C.1 Erfolgsfaktoren von Social Software-Systemen – Mehr als Technologie

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Abschnitt C C.2.7 Geschäftsprozessmanagement – Die Ab-Teilung der Abteilungen überwinden

Wie dargestellt, generieren Social Software-Systeme eine bemerkenswerte Systemleistung. Damit stellt sich natürlich das Management die Frage, was von Wikipedia und anderen Social Software-Sysstemen gelernt werden kann beziehungsweise vielleicht auch gelernt werden muss. Es gilt die Erfolgsfaktoren der Social Software-Systeme herauszuarbeiten, um diese anschließend auf deren sinnvolle Anwendbarkeit in anderen Bereichen zu überprüfen. Als Erfolgsfaktoren werden dabei allgemein solche Quellen, Komponenten und Bausteine im Wertschöpfungsprozess bezeichnet, aus denen Wettbewerbsvorteile resultieren.[1]

Folgend werden zehn besonders prägnante Faktoren dargestellt, die Social Software- Systemen gemein sind und zu deren Erfolg beitragen.[1]

1. Gemeinsame Ziele und Vision
„Imagine a world in which every single person is given free access to the sum of all human knowledge. That’s what we’re doing.“[1] Mit dieser gemeinsamen Vision, der Sammlung des Wissens unserer Zeit zur Schaffung einer freien Enzyklopädie von höchster Qualität und mit freiem Zugang für jedermann,[1] kann die Online-Enzyklopädie Wikipedia ein Ziel aufweisen, an dem sich alle Teilnehmer orientieren können und unter dem jeder seine eigenen Ziele, wie die Erweiterung des eigenen Wissens, verwirklichen kann.[1] Die starke Identifikation vieler Wikipedianer mit dem gemeinsamen Ziel trägt zu einer starken Motivation und wesentlich zum Erfolg der Wikipedia bei. Damit erfüllt Wikipedia erfolgreich die Hoffnung, die in vielen Unternehmen in eine aufwendig entwickelte übergeordnete Zielsetzung gesetzt wird.[1]

Auch in anderen Social Software-Systemen lassen sich gemeinsame oder zumindest gleiche Ziele der Nutzer erkennen. Die User von Kontaktbörsen wie XING betreiben Networking für geschäftliche Zwecke und/oder die eigenen Karrieremöglichkeiten. Die StudiVZ-Nutzer suchen Kontakt innerhalb der großen Studierendengemeinschaft, Bekanntschaften, Freunde oder wollen einfach Kontakte aufrechterhalten. In den Communities haben die Nutzer jeweils die Möglichkeit, ihre eigenen Ziele unter dem gemeinsamen Community-Ziel, das auch ein Gemeinschaftsgefühl hervorrufen kann, umzusetzen.

2. Partizipativ und integrativ
Um die hohe Akzeptanz und Identifikation der Wikipedianer mit den Zielen der Organisation zu erreichen, werden die Ziele, Prinzipien, Strukturen, Programme und Inhalte partizipativ erarbeitet und nicht, wie in klassischen Anätzen vorgesehen, in hierarchischen Strukturen vorgegeben. Im Laufe der Zeit werden sie überarbeitet, an aktuelle Kontextbedingungen angepasst und durch Abstimmungen von der Community legitimiert und honoriert. Durch die Integration der Organisationsmitglieder in die Entscheidungsfindung und Meinungsbildung, ihre Partizipation bei anstehenden Anpassungen und Veränderungen erfahren sie Anerkennung, was ein höheres Engagement nach sich zieht.[1] Weiter ruft diese Partizipation eine höhere Akzeptanz für Veränderungen hervor, da Inhalte direkt im Gesamtzusammenhang vermittelt und kollaborativ erarbeitet werden können. Das Fehlerentdeckungspotenzial erhöht sich, Kompetenzvorteile können genutzt und Ideen generiert werden.

Potenziale zur Steigerung der organisatorischen Leistungsfähigkeit durch Partizipation wurden bereits an vielen Stellen identifiziert.[1] In der Praxis finden sich allerdings oft Strukturen, die diesem Ideal nicht entsprechen, da eine gezielte organisatorische Entwicklung unter partizipativen und integrativen Prinzipien wohl als schwierig angesehen wird. Dabei ergeben sich gerade durch die Integration und Partizipation möglichst vieler Teilnehmer neue Chancen, da unterschiedlichstes Wissen global verteilt ist. Durch die Standortunabhängigkeit der Mitarbeit an der Wikipedia können beispielsweise die heterogenen Kernkompetenzen der aktiven und potenziellen Autoren weltweit genutzt werden. Die Kombination der unterschiedlichen Kompetenzen und Stärken verschafft der Wikipedia eine Steigerung der Leistungsfähigkeit. Wären die Autoren an hierarchische oder geografische Beschränkungen gebunden, so würde die Leistung wesentlich geringer ausfallen. Durch die Partizipation global verteilter Projektteilnehmer, die aufgrund der Vernetzung über Social Software-Technologien möglich ist, kann jeder jederzeit Beiträge leisten, aktualisieren, modifizieren und korrigieren oder neue Leistungen erbringen.

3. Vertrauenskultur
Während klassische Organisationsansätze von einer Vorgehensweise ausgehen, die eine enge Überprüfung aller Arbeitsvorgänge und Zwischenschritte vorsieht, herrscht in Social Software-Systemen wie Wikipedia eine ausgeprägte Vertrauenskultur. Die Initiatoren und Leser vertrauen den Autoren, die Autoren vertrauen wiederum die Inhalte der Enzyklopädie der Nutzergemeinde an. Das Vertrauen innerhalb der heterogenen virtuellen Gemeinschaft und das Vertrauen in das Umfeld beschleunigen und erleichtern die Abwicklung von Vorgängen in der Wikipedia, da beispielsweise Änderungen direkt produktiv umgesetzt werden, auf zeitaufwendige Anmeldeprozeduren sowie auf die gegebenenfalls kostspielige Einbindung von Experten verzichtet wird.

Allerdings kennt diese Vertrauenskultur auch Grenzen. So nutzt auch Wikipedia Mechanismen, um sich vor wiederholtem Missbrauch zu schützen. So etwa in Form der Sperrung von Nutzern, IP-Adressen oder Seiten. Auch andere Gemeinschaften wie StudiVZ sind bereits wegen umstrittener Inhalte in die Schlagzeilen geraten,[1] was einmal mehr demonstriert, dass auf Kontrollmechanismen nicht gänzlich verzichtet werden kann. Idealerweise etablieren sich diese, wie bei Wikipedia, aus der Community heraus.

Insgesamt führt das große Vertrauen in Gemeinschaften und ihre Teilnehmer zu einer beschleunigten Erstellung sichtbarer Ergebnisse – insbesondere im Zusammenspiel mit der inkrementellen Verbesserung. Die direkte Umsetzung der eigenen Arbeit in ein sichtbares Ergebnis trägt wiederum zu einer erhöhten Motivation durch Selbstverwirklichung bei.

4. Flexible Regelauslegung
Ein weiteres Merkmal von Social Software-Systemen sind die der Zusammenarbeit zugrunde liegenden Regeln und Strukturen. Hier ist insbesondere das gelebte, flexible Regelwerk interessant.

Die Basis für die Zusammenarbeit bilden nur wenige Grundregeln (‚five pillars‛).[1] Zwar gibt es eine Vielzahl weiterer Regeln und Konventionen, diese sind aber eher intuitiv und im gesunden Menschenverstand verankert. Seit der Gründung der Wikipedia sind aus der Community heraus unzählige Richtlinien und Konventionen entstanden, die zur Erstellung der Enzyklopädie mit einheitlichen Formalien beitragen sollen. Der Nutzer wird aber ausdrücklich dazu aufgefordert, sich von diesen nicht entmutigen zu lassen und im Zweifelsfall auch gegen Sie zu verstoßen, um den Spaß an der Teilnahme nicht zu gefährden. Für die Nutzer reduzieren sich die Arbeitsflusshemmung und die Störung der Motivation durch Regularien und formale Wege. So kann ein größerer Kreis von aktiven Nutzern für die Arbeit gewonnen werden. Erfolgsmindernd kann sich jedoch die Notwendigkeit der Nachbearbeitung auswirken.

Das entscheidende bei der Wikipedia ist jedoch das Ergebnis, nicht die Regeleinhaltung. Hier zeigt sich außerdem wieder die ausgeprägte Vertrauenskultur. Selbst dort, wo Regeln existieren, werden diese – von wenigen Grundregeln abgesehen – zur Disposition gestellt, um den Zugang zu erleichtern und zur Teilnahme zu motivieren.

Diese lose Handhabung von Regeln, die Dissatisfaktoren bei der Arbeit weitgehend eliminiert, trägt zunächst zu einer höheren Arbeitszufriedenheit bei. In Krisensituationen kann bei einem einfachen Regelwerk flexibler reagiert werden, Probleme können kreativ und mit vereinten Kräften im Netzwerk angegangen werden.

5. Mix verschiedener Herrschaftsformen
Ein weiteres typisches Merkmal von Social Software-Systemen ist ein unkonventioneller Mix sehr unterschiedlicher Herrschaftsformen. Eine oberflächliche Betrachtung der Steuerung von Systemen wie flickr, del.icio.us oder Wikipedia deutet auf eine sehr weitreichende Form der Basisdemokratie hin. Die Nutzer können – oftmals ohne Anmeldung – direkt Änderungen vornehmen und diese werden ungeprüft veröffentlicht, also in ‚Produktion‛ genommen. Gleichwohl zeigt eine genauere Untersuchung ein wesentlich vielschichtigeres Bild.

Jimmy Wales selbst weist auf dieses vielschichtige Konstrukt hin:[1] „A confusing but workable mix of Consensus, Democracy, Aristocracy, Monarchy. Wikipedians are flexible about social methodology: results over process.“[1] Besonders interessant ist im Kontext des auf den ersten Blick basisdemokratischen Systems Wikipedia die Monarchie. Was Wales damit bei Wikipedia meint und wie ernst es ihm damit ist, zeigt sich in einem anderen Zitat Wales’: „I should point out that these are my principles, (…) this is how Wikipedia will be run.”[1] An anderer Stelle wird von Wales auch als ‚benevolant dictator‛ gesprochen.[1] Wales hat inzwischen seine Entscheidungsmacht allerdings an ein Arbitration Commitee, das aus der Gemeinschaft gewählt wird, als oberste Instanz abgegeben.

Neben den dargestellten Steuerungsformen lassen sich auch meritokratische Elemente erkennen. Autorität in der Wikipedia, wie auch vielen anderen Online-Communities, basiert auf fachlicher Kompetenz, Erfahrung und Engagement, nicht auf hierarchischen Strukturen,[1] womit die Akzeptanz für Entscheidungen durch Autoritäten in kritischen Situationen steigt.

Auch sinkt die Gefahr, dass es zu kontraproduktivem Arbeiten oder Enttäuschungen als Folge einer nicht akzeptierten autoritären Entscheidung kommt.

Trotz oder gerade wegen der Vielzahl der Steuerungsansätze scheint der Mix bei Wikipedia und anderen Online-Communities zu funktionieren. Gemäß der formulierten Devise ‚results over process‛[1] sind die aktiven Mitarbeiter motiviert, und es lässt sich feststellen, dass wenig Energie in die Diskussion der Ausrichtung des Systems insgesamt fließt. Eine langfristige Prognose hinsichitlich der Konstanz scheint allerdings schwierig.

6. Selbstverwirklichung
Eine Voraussetzung für die hohe Systemleistung von Systemen wie der Wikipedia ist die große Nutzer-Gemeinschaft mit ihren eingespielten Formen der Zusammenarbeit und vor allem die hohe Motivation der Beteiligten.

Bei Wikipedia, YouTube und StudiVZ u.a. gibt es keine materiellen oder finanziellen Anreize, die die Nutzer dazu animieren, sich aktiv an der Erstellung der Enzyklopädie bzw. der Generierung von Inhalten zu beteiligen. Dennoch herrscht ein besonders hohes Maß an Motivation. Dies ist nicht unbedingt verwunderlich, da Studien bereits die Erkenntnis gebracht haben, dass materielle Anreize wie Boni die Wirkung intrinsischer Motivation untergraben und eher dazu führen, dass nur im Rahmen des spezifischen Ziels gute Arbeit geleistet wird, aber nicht darüber hinaus.[1]

Bei der Wikipedia stehen intrinsische Motive im Vordergrund: Die Wikipedianer können ihre Wünsche nach Erweiterung des eigenen Wissens und nach Spaß an der Arbeit befriedigen. Ähnlich wie in der Linux-Gemeinde werden die Nutzer durch die Teilnahme an einem offenen Projekt zu Höchstleistungen motiviert: „Wenn sie etwas schaffen wollen, das sie der ganzen Welt übergeben, … dann werden sie immer ihr Bestes geben.“[1] Die Verwirklichung der eigenen Ziele und Motive sowie die Anerkennung in der Gemeinschaft (beispielsweise durch exzellente Artikel) führen auch dazu, dass die Nutzer sich intensiver an die Wikipedia gebunden fühlen und damit weniger Austrittsgedanken hegen.[1] Die Motivation der Selbstverwirklichung dürfte auch bei vielen anderen Social Software-Systemen im Vordergrund stehen, so etwa bei den inzwischen über 70 Millionen Weblogs[1] oder bei Anwendungen wie flickr, bei der (Hobby-)Fotografen ihre Werke vorstellen und austauschen.

Ein weiterer motivierender Faktor ist die Autonomie, also die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit der Wikipedianer bei der Arbeitsgestaltung.[1] Keine festen Stellen- und Arbeitsplatzbeschreibungen, keine Arbeitsrichtlinien und -anweisungen – diese Autonomie steht im Widerspruch zur Praxis in vielen Organisationen. Mitglieder von Online-Communities entscheiden selbst, wann, wo und wie sie etwas beitragen wollen. Dabei müssen sie keine externen Vorgaben erfüllen, sondern können von ihren eigenen ehrgeizigen Standards ausgehen. Die Autonomie bei der Arbeitsgestaltung führt, in Verbindung mit der Bedeutsamkeit und Ganzheitlichkeit der Aufgabe sowie der Aufgabenvielfalt, zu einer hohen intrinsischen Arbeitsmotivation, einer hohen Qualität und Zufriedenheit sowie zu einer niedrigen Fluktuationsrate.[1] Die positiven Aspekte der Autonomie der Mitarbeiter wurden an verschiedenen Stellen schon früher identifiziert,[1] sind aber nur eingeschränkt in der organisatorischen Praxis außerhalb von Social Software-Systemen zu finden. Nach dem Erfolg von Open Source-Projekten wie Linux zeigen Wikipedia und flickr einmal mehr den Erfolg der Autonomie bei der Arbeitsgestaltung.

7. Einfachheit in der Nutzung
Die Basis für das Funktionieren der Wikipedia liefert die Wiki-Technologie, die die Kommunikation, Diskussion und Koordination der Aktivitäten aller Wikipedianer ermöglicht. Das besondere Kennzeichen der intuitiven und einfachen Bedienbarkeit führt dazu, dass tatsächlich auch jeder, der die Vision der Wikipedia teilt und einen Beitrag leisten will, hier die Möglichkeit hat, sich einzubringen und nicht durch technologische Barrieren davon abgehalten wird. Der einfache Zugang bezieht sich dabei nicht nur auf das Regelwerk und die Möglichkeit, auch ohne Anmeldung, also anonym, mitarbeiten zu können. Eine einfache, funktionierende Kommunikations- und Koordinationsplattform und deren ausgesprochene Nutzerfreundlichkeit sind entscheidende Voraussetzungen für den Erfolg von Communities wie der Wikipedia. Der Editiervorgang bei Wikis erinnert an das inzwischen von vielen Millionen Nutzern beherrschte Schreiben einer E-Mail in einer Web-Applikation. Ebenso einfach sind der Aufbau und die Pflege eines Blogs bei Anbietern wie blogger.de. Neben den einfach zu bedienenden Editier- und Publishing-Funktionen sind vor allem die Spezialseiten für die Auswertungen von hoher Relevanz. Sie ermöglichen Überblicke, zum Beispiel über neue oder geänderte Artikel, nach bestimmten Kriterien und stellen damit die technologische Basis für das Funktionieren des Gesamtsystems durch Selbstregelung dar. Erst die geringen technologischen und psychologischen Zugangsbarrieren erlauben eine Beteiligung derart vieler Personen.

8. Emergente Entwicklung
Eine weitere auffallende Eigenschaft in der Entwicklung von Social Software-Systemen ist ihre emergente Entwicklung. Während in der klassischen Betriebswirtschaft ein großer Teil der Managementtätigkeit auf Planung und Controlling einer gezielten und systematischen Entwicklung von Organisationen und Produkten entfällt, folgt die Entwicklung von Online-Communities anderen Gesetzmäßigkeiten. So fehlen beispielsweise in der Wikipedia jegliche Vorgaben, zu welchen Themen die Enzyklopädie Artikel enthalten soll. Folgt man der klassischen betriebswirtschaftlich-geprägten Planung, so würde es zentrale Vorgaben, abgeleitet aus einer übergeordneten Strategie und unter Berücksichtigung von Marktanalysen und Zielgruppendefinition, geben. In Social Software-Systemen gibt es dagegen keine Planung, in welchen Bereichen Schwerpunkte gebildet werden sollen. Schwerpunkte bei Themen von Artikeln in der Wikipedia oder den Angeboten bei eBay bilden sich eher durch die spezifischen Bedürfnisse, Interessen-, Erfahrungs- und Ausbildungsschwerpunkte der aktiven Nutzer. Zwar gab es auch für das Projekt Wikipedia ursprünglich eine quantitative Zielsetzung, welche aber bald überschritten wurde. Derartige Entwicklungssystematiken finden sich in der Betriebswirtschaftlichen Planungslehre auch in moderneren Ansätzen, wie im ‚Grassroot- Model of Strategy Formation‛ von Mintzberg.[1]

Bei Wikipedia & Co. ermöglichen die fehlenden planerischen Vorgaben ein hohes Engagement, da die Selbstverwirklichung in den individuellen Interessensgebieten ermöglicht wird. Zudem werden keine Ressourcen im Planungsprozess gebunden und die Organisation kann mit geringem Managementaufwand existieren. Die Dynamik und Schnelligkeit, mit der bei Wikipedia aufgrund der weitgehend fehlenden hierarchischen Strukturen und planerischen Tätigkeiten auf Veränderungen reagiert werden kann, verschaffen ihr einen klaren Vorsprung gegenüber ihren kommerziellen Wettbewerbern, bei denen Planungsprozesse mit anschlißender Kommunikation und Implementierung durchlaufen werden müssen, bevor Veränderungen Einzug finden. Dieser Vorteil zeigt sich bei Wikipedia zum Beispiel in der schnellen und flexiblen Aktualisierung und der schnellen Erstellung von neuen Artikeln zu aktuellen Themen sowie bei der Fehlerbehebung.

Auffallend ist, dass mit der fehlenden strategischen Planung bisher noch keine sichtbaren Defizite erkennbar wurden. Im Gegenteil – vielmehr zeigen Unternehmen im Umfeld moderner Internet-Lösungen ebenfalls nur geringes Vertrauen in die Planbarkeit des Geschäfts. So etwa Google, welches bewusst die Entwicklung von neuen Produkten in einem bottomup- Prozess fördert und nach Einschätzung von Mitgründer Sergey Brin kaum auf Basis eines systematischen Prozesses durch das Management initiiert neue erfolgreiche Produkte entwickelt hat.[1]

9. Inkrementelle Entwicklung
Ein weiteres typisches Merkmal von Social Software-Systemen ist ihre inkrementelle Entwicklung, also die Entwicklung in einer Vielzahl von kleinen Schritten. Wikipedia ist hierfür wiederum ein besonders prägnantes Beispiel. So stammt etwa die älteste Version des Artikels zum Thema ‚Deutschland‛ vom 24. August 2001. Seither wurde der Artikel über 5.500 Mal[1] überarbeitet, also über 70 Mal monatlich. Die vorgenommenen Änderungen umfassten dabei teilweise nur die Ergänzung einzelner Worte oder Zeichen.

Artikel in der Wikipedia entwickeln sich von zum Teil nur wenigen Worten schrittweise zu oft mehrseitigen Abhandlungen. Aber auch bei Bewertungsportalen, Video- und Photo-Sites ist eher ein fast kontinuierliches Wachstum in vielen, vielen kleinen Einzelschritten zu beobachten. Analysiert man die Entwicklungsschritte in Blogs, so ist auch hier offensichtlich, dass es sich um eine eher inkrementelle Entwicklung handelt. Die einzelnen eingestellten Beiträge sind zumeist eher kurz und leben eben davon, dass sie eine gewisse Spontaneität verkörpern, die dann auch die hohe Authentizität unterstützt.

Damit unterscheidet sich der Entwicklungsprozess bei Social Software-Systemen von den bekannten Entwicklungsprozessen in beispielsweise klassischen Medien, klassischer Software und auch den meisten Systemen der Betriebswirtschaft.

So werden die papierenen Ausgaben der Enzyklopädien schon alleine aus logistischen Gründen nur in relativ langen Zeiträumen überarbeitet und herausgegeben – zwischen den einzelnen Auflagen liegen mehrere Jahre. Gleiches gilt auch für die klassischen Print-Monografien. Dies führt dazu, dass ein Artikel einen Mindestumfang und eine Mindestreife haben muss, damit er überhaupt erscheinen kann. Zudem soll vor dem Erscheinen jeder Auflage sichergestellt werden, dass die Inhalte von höchster Qualität sind. Immer wieder auftauchende Fehler in Büchern und nicht zuletzt die Qualitätsvergleiche zwischen Wikipedia und den klassischen Enzyklopädien zeigen, dass diese Verfahrensweise auch Grenzen hat. Gleichzeitig steht diese Vorgehensweise in großen Entwicklungssprüngen auch im Konflikt mit dem Wunsch nach Spontaneität, zeitnaher Reaktion, schnell sichtbaren Ergebnissen etc.

Der Ansatz, in großen Entwicklungsstufen Produkte zu veröffentlichen, findet auch in der klassischen Softwarebranche seine Entsprechung. Produkte wie Microsofts Windows oder auch die Hauptversionen von SAPs ERP-Systemen werden zwar inzwischen auch in kurzen Zyklen durch eine Vielzahl von so genannten Patches aktualisiert. Zumeist haben diese kleinen Updates aber ihren Schwerpunkt in der Behebung von Fehlern und Sicherheitslücken. Hier geht wiederum die Open Source-Software einen anderen Weg. Gemäß der Devise ‚Release early – release often‛[1] werden Open Source-Software-Produkte in kürzeren Zyklen weiterentwickelt und schnell online gestellt.

Auch im Management findet sich eine Vorgehensweise, die diesem Denkansatz folgt. Ist ein Plan einmal beschlossen, so hat er zumeist für längere Zeit seine Gültigkeit. Klassische Planungsprozesse und -zyklen gehen nicht von einer kontinuierlichen Entwicklung in vielen kleinen Schritten aus. Vielmehr sollen umfassend Analysen und strategische Methoden eine Planung erlauben, deren Aussagen für längere Zeit Gültigkeit haben. Eine Vorgehensweise, die angesichts zunehmend schneller Veränderungen der Rahmenbedingungen immer schwieriger aufrecht zu erhalten ist.

10. Entprivatisierung und persönlicher Stil
Ein weiterer wichtiger und vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte um einen geeigneten Datenschutz erstaunlicher Aspekt von vielen Social Software-Systemen ist die Entprivatisierung. Eine Vielzahl von Blogs sowie Angebote wie YouTube, StudiVZ, flickr und XING beruhen darauf, dass Nutzer auf Datenschutzrechte weitgehend verzichten und persönlichste Details in aller Öffentlichkeit preisgegeben werden.

Dabei hat sich eine Kultur entwickelt, die eben diese Form der Darstellung erwartet. Bei Blogs besteht eine verbreitete Erwartung, dass gerade die persönliche Sicht zumeist dargestellt aus dem privaten Kontext im Vordergrund steht. Bei Netzwerken bestehen für diejenigen, die ihr Profil mit vielen persönlichen Informationen anreichern, besonders gute Chancen, dass ihr Profil von anderen angesehen wird und sich daraus Kontaktmöglichkeiten ergeben.[1] Meist bestimmen die Mitglieder der Communities dabei selbst, wie viel sie von sich selbst und ihrem Leben preisgeben wollen. Zugleich ist aber ein hoher sozialer Druck zu erahnen, und die Gefahr groß, dass die Privatsphäre in ungewollter oder in der Konsequenz unverstandener Art und Weise verletzt wird oder Daten missbraucht werden. Medienkompetenz, die sich für die meisten Menschen bisher vor allem auf die Nutzung und Interpretation konsumierter Medien bezog, bekommt nun bei der aktiven Darstellung eigener Inhalte in bisher ungekannter Art und Weise eine neue Bedeutung.

Zugleich lässt sich ein Wandel im Stil der Darstellung und der Sprache beobachten. Die in vielen IT-Bereichen und im Internet schon lange typische informalere und persönlichere Art wird auch im Kontext der Social Software genutzt. Dies zeigt sich unter anderem in einer Vielzahl von CEO-Blogs, in denen Vorstandssprecher die Möglichkeiten der persönlicheren und – vermeintlich – sympathischeren Darstellung nutzen; so auch im Video-Blog der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Darstellung in Tabelle 26 führt die isolierten Erfolgsfaktoren mit ihren wichtigsten Kennzeichen zusammen.

Die identifizierten Erfolgsfaktoren verdeutlichen noch einmal, dass zwar die (einfache) Technologie eine wesentliche und notwendige Grundlage des Erfolgs ist, die hohe Systemleistung der sozio-technischen Social Software-Systeme aber auf vielen weiteren Faktoren beruht. Folgend wird für verschiedene Managementfelder dargestellt, wie die genannten Erfolgsfaktoren in den einzelnen Bereichen jeweils ausgeprägt und angewandt werden können.[1]

Erfolgsfaktor Kennzeichen
1. Gemeinsame Vision
  • Gemeinschaftsgefühl
  • Realisierung eigener Ziele unter einem gemeinsamem Ziel
2. Partizipativ
  • Einbindung aller
  • Wer möchte, darf
3. Vertrauenskultur
  • Direkte Arbeit im operativen System
  • Beschleunigte Erstellung sichtbarer Ergebnisse
4. Flexible Regelauslegung
  • Ergebnis vor Regelkonformität
  • Eliminierung von Dissatisfaktoren
5. Mix verschiedener Herrschaftsformen
  • Autorität basiert auf Kompetenz
  • Resultate wichtiger als Prozesse und Systeme
6. Selbstverwirklichung
  • Verwirklichung intrinsischer Motive
  • Autonomie bei der Arbeitsgestaltung
7. Einfachheit in der Nutzung
  • Intuitive, benutzerfreundliche Technologie
  • geringe techn. Mindestanforderungen
8. Emergente Entwicklung
  • Geringer Ressourcenaufwand für Managementtätigkeiten
  • Verzicht auf Planung ermöglicht Flexibilität und Schnelligkeit
9. Inkrementelle Entwicklung
  • ‚Release early – release often‛
  • Kontinuierliche Qualitäts- und Quantitätsentwicklung
10. Entprivatisierung und persönlicher Stil
  • Nutzer stellen sich selbst dar
  • Informalerer, vertrauensvollerer Stil

Tabelle 26: Wikimanagement – Erfolgsfaktoren und Kennzeichen



Die zitierten Quellen sind im Literaturverzeichnis zu finden.


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