B.4.3 Die systemtheoretischen Ansätze und Wikipedia

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B.4.2 Der soziotechnische Ansatz – Mensch und System B.4.3 Die systemtheoretischen Ansätze und Wikipedia Abschnitt C


Da sich die wesentlichen Aspekte beider Ansätze weitgehend decken, erfolgt hier eine gemeinsame abschließende Gegenüberstellung der wesentlichen Systemaspekte, die dem systemisch-evolutionären Ansatz entstammen sowie der Wikipedia. Insgesamt bieten die Systemansätze, vorrangig der systemisch-evolutionäre Ansatz der St. Galler Management-Schule, ein großes Erklärungspotenzial für das Funktionieren der Wikipedia. Organisationen werden, wie oben ausführlich dargelegt, als offene, dynamische, komplexe Systeme betrachtet, die spontan entstehen und über Fähigkeiten der Selbstorganisation, Selbstregulierung sowie Lern- und Anpassungsfähigkeit verfügen.

Diesem systemisch-evolutionären Organisationsverständnis entspricht Wikipedia in starkem Ausmaß. Eine Grenze zwischen dem System und der Umwelt kann kaum gezogen werden, da jede Person Leser und Autor sein kann, anonym oder bekannt. Diese Offenheit ist gleichzeitig eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren der Wikipedia, da sicherlich nicht zuletzt durch das Fehlen komplizierter Registrierungsprozeduren und die Möglichkeit, spontan und ohne anhaltende Verpflichtungen teilnehmen zu können, die Anzahl der Wikipedianer so groß ist. Dadurch kann sich in der großen Gemeinschaft eine Eigendynamik entwickeln.

Ein weiteres Kennzeichen der Wikipedia ist ihre eigendynamische Entstehung. Bedenkt man, dass Wikipedia als Spielwiese oder Schmierzettel für Nupedia gedacht war, so liegt hier ein besonders gutes Beispiel für die evolutionäre Entwicklung eines Systems vor. Ohne explizite Pläne, Anweisungen, Regeln, Aufforderungen und Aufgabenverteilung entstanden bis heute weit über eine Million Artikel für die Enzyklopädie.

Selbstorganisierend wurden in sozialen Prozessen Verhaltensregeln wie die Wikiquette und die NPOV-Regeln zur Neutralitätssicherung entwickelt und im Laufe der Zeit angepasst. Diese Grundsätze und Regeln spiegeln neben den selbstorganisatorischen Fähigkeiten der Wikipedia auch Lernfähigkeit wider, da eine regelmäßige Anpassung aufgrund von Erfahrungen und neuen Gegebenheiten vorgenommen wird. In dynamischen Entwicklungen analog zur Umwelt wurde auf das rasante Wachstum der Wikipedia mit Qualitätssicherungsmechanismen wie den Beobachtungslisten oder Sperrungen reagiert. Durch die breite und mehrfache Verteilung der Gestaltungspotenziale (Redundanz), ohne Einschränkungen auf alle potenziellen Leser und Autoren, sind schnelle und flexible Reaktionen möglich, zum Beispiel auf Vandalismus. Der vereinzelt auftretende Vandalismus zeigt auch die Lernfähigkeit des Systems, da besonders anfällige Artikel gesperrt werden können, ebenso wie Nutzer, die durch Vandalismus auffallen. Die Lernfähigkeit des Systems, aber auch seine Anpassungsfähigkeit und Automatisierbarkeit äußern sich in den Meinungsbildern und Diskussionsseiten – hier werden enzyklopädisch relevante Themen diskutiert und abgebildet, um zukunftsfähige Regeln und Bestandteile in der Wikipedia zu erhalten. Was in den Diskussionen und Meinungsbildern aufgrund der Ansichten der Mehrzahl der Beteiligten besteht, trifft in der Gemeinde auf Akzeptanz und kann dann auch zur Sicherung der Lebensfähigkeit des Systems beitragen.

Wikipedia kann auch als selbstregulierend betrachtet werden: Zur Erreichung des Ziels werden Artikel angelegt, editiert, korrigiert und erweitert, um durch das Miteinander bei der Artikelverbesserung und die gegenseitige Kontrolle den Sollwert, eine hochwertige Enzyklopädie und Sammlung des Wissens unserer Zeit, zu erreichen. In der Wikipedia funktioniert vor allem das Korrigieren oder erste Bearbeiten von Artikeln sehr schnell: Den Ergebnissen der IBM-Software History Flow folgend, mit deren Hilfe die Aktivitäten u.a. auf der Wikipedia permanent beobachtet werden, werden Fehler und Vandalismus in der Regel so schnell behoben, dass kein anderer Nutzer sie sieht.[1]

Die nachfolgende Tabelle soll einen abschließenden Überblick über die Übereinstimmungen und Erklärungsmöglichkeiten für das Funktionieren der Wikipedia nach Systemaspekten geben.

Systemaspekte Wikipedia
Offenheit Grenzen zwischen Wikipedia und Umwelt können kaum gezogen werden.
Selbstorganisierend, Ordnung entsteht aus sozialen Prozessen in Systemen. In Eigendynamik werden die Verhaltensregeln entwickelt und angepasst.
Dynamische Entwicklung analog zur Umwelt Koordination/Anpassung an Wachstum und Komplexität
Flexibilisierung durch Redundanz Schnelle und flexible Reaktionen durch eine Vielzahl von Autoren, Lektoren, Administratoren
Lernfähigkeit für Zukunft Schließung von Lücken, um Missbrauch entgegenzuwirken, zum Beispiel Sperrung von Artikeln, die für Vandalismus besonders anfällig sind, Sicherungsinstrumente wie Beobachtungslisten und Beobachtungskandidaten
Selbstregelung (durch Rückkopplung zur Einhaltung des Sollwertes) Gegenseitige Kontrolle und Korrektur zur Zielerreichung
Automatisierbarkeit Kaum Eingriffe der Schiedsinstanzen
Komplexität als Resultat von Beziehungen und Ordnungen, die aus den Interaktionen resultieren; erschwerte Prognostizierbarkeit und Analyse Aufgrund der Komplexität der Beziehungen in der Wikipedia sind Reaktionen schwer prognostizierbar.

Tabelle 19: Systemansätze und Wikipedia



Die zitierten Quellen sind im Literaturverzeichnis zu finden.

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