B.4.1 Die St. Galler Systemansätze – Kybernetik und Evolution in Organisationen

Aus Wikimanagement

Wechseln zu: Navigation, Suche
B.4 Die systemorientierten Ansätze B.4.2 Der soziotechnische Ansatz – Mensch und System

Der systemtheoretisch-kybernetische Ansatz und die folgenden St. Galler Systemansätze[1] gehen auf die interdisziplinären Wissenschaften der Kybernetik und der Systemtheorie zurück, die einerseits für das Erkennen und Beschreiben, andererseits für das Lösen von organisatorischen Problemen herangezogen wurden.[1]

Die Systemtheorie wurde von dem österreichischen Biologen van Bertalanffy begründet, der 1951 seine Theorie der offenen Systeme veröffentlichte, die der Erklärung von Prozessen des Wachstums, der Anpassung und Selbstregulation dient.[1] Hier wird davon ausgegangen, dass das System-Umwelt-Verhältnis interaktional ist, d.h. das System (das Unternehmen) steht unter starken Umwelteinflüssen, kann aber auch selbst gestaltend auf die Umwelt einwirken. Die hier zugrunde gelegten offenen Systeme können sich nur im Austausch mit der Umwelt erhalten und entwickeln.[1] Als Kybernetik wird die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Systemen bezeichnet, die von dem Amerikaner Norbert Wiener begründet wurde und das Systemverhalten und die Systemstrukturen auf grundlegende Steuerungs- und Regelungsmechanismen zurückführt.[1]

Aufbauend auf diesen Grundlagen konzipierte Hans Ulrich, der als Begründer des systemtheoretisch-kybernetischen Ansatzes gilt, eine Managementlehre, die das Unternehmen als multidimensionale Ganzheit betrachtet.[1] Inhalt der Betriebswirtschaftlehre sei die „Gestaltung und Führung von Systemen“.[1] Sein Systemansatz wurde in den Folgejahren mehrfach überarbeitet und durch Studien ergänzt.[1] Dabei gehen auch die folgenden Systemansätze von einer holistischen, umfassenden und interdisziplinären Perspektive zur Gestaltung und Lenkung komplexer, dynamischer Systeme bei unvollkommenem Wissensstand aus.[1]

Im systemtheoretisch-kybernetischen Ansatz werden Organisationen als offene, dynamische und komplexe Systeme verstanden, die einem permanenten Wandel und einer Eigendynamik unterliegen sowie zielorientiert sind.[1] Offen ist ein System dann, wenn es zu seiner Umwelt Beziehungen aufweisen kann, beispielsweise Teil eines Supersystems ist.[1] Die Dynamik von offenen Systemen äußert sich dabei in vielfältigen Interaktionen des Systems mit seiner Umwelt, also in Input und Output.[1] Die Komplexität der offenen Systeme lässt sich zurückführen auf die Menge an Beziehungen, die zwischen den Systemelementen und der Systemumwelt bestehen.[1] Zuletzt sollen bewusst geschaffene Systeme keine ziellose Dynamik entwickeln, sondern einen bestimmten Output erreichen.[1] Die Summe der Beziehungen in einem System, die in Form von Subsystemen oder Einzelbeziehungen bestehen können, wird als Struktur bezeichnet, wobei diese als instabil gilt, da die Beziehungen im System sich regelmäßig verändern und kaum prognostizierbar sind.[1]

Abbildung 35: Grundbegriffe zur Systemdefinition
Abbildung 35: Grundbegriffe zur Systemdefinition[1]

Um die Systeme sowohl unter statischen als auch dynamischen Gesichtspunkten erfassen und gestalten zu können sowie zu prüfen, inwieweit sie auf die Organisation übertragen werden können, stehen bei der Betrachtung der Systeme folgende Aspekte im Vordergrund:[1]

  • Selbstregelung ist die Fähigkeit eines Systems, ohne Lenkung oder Steuerung des Systems von außen einen vorgegebenen Sollwert und eine gewisse Stabilität einzuhalten.
  • Unter Anpassung versteht man die Fähigkeit eines Systems, nicht nur einen Sollwert stabil zu halten, sondern diesen auch an eine veränderte Umwelt anzupassen.
  • Lernfähigkeit bezeichnet das Vermögen eines Systems, aus Erfahrungen Konsequenzen für das zukünftige Verhalten zu ziehen, wobei vor allem die organisierte Lernfähigkeit durch verbesserte Informationsrückkopplung und -auswertung untersucht wird.
  • Als Selbstorganisation wird die Fähigkeit eines Systems zur selbstständigen strukturellen Evolution und Differenzierung, d.h. die Fähigkeit zur eigendynamischen Erhöhung des Komplexitäts- und Organisationsniveaus (Verbesserung oder Erhaltung der internen Struktur) bezeichnet.
  • Unter Automatisierbarkeit versteht man die Möglichkeit, menschliche Eingriffe in ein System durch dessen oben dargelegte kybernetische Fähigkeiten zu ersetzen und sie weder permanent noch zu festgelegten Zeitpunkten notwendig zu machen.

In der Management- und Organisationslehre wurden die Systemaspekte weitgehend übernommen und in Analogiebildungen auf soziale Systeme übertragen.[1]

Vorrangig in der evolutionären Managementkonzeption Maliks (St. Galler Systemansatz), die als Weiterentwicklung des systemtheoretisch-kybernetischen Ansatzes auf den beschriebenen Systemaspekten aufbaut,[1] werden neben den oben beschriebenen kybernetischen Eigenschaften auch evolutionswissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt.[1] Unternehmen und andere soziale Organisationen werden als „weitgehend selbständernde, selbstevolvierende und selbstorganisierende Systeme“ angesehen, die „in wesentlich geringerem Ausmaß als angenommen beherrschbar, d.h. dem steuernden und gestaltenden Einfluss ihrer Leitungsorgane unterworfen, respektive ausgesetzt und zugänglich sind“.[1] Damit sind aus der evolutionären Perspektive gestalterische und lenkende Eingriffe aufgrund der Komplexität und Eigendynamik der Systeme nur bedingt möglich.

Dementsprechend wird auch Ordnung von sozialen Systemen nicht als statische Struktur, sondern als dynamisch aufgefasst und gilt als das Resultat interaktiver Prozesse eines Netzwerkes, aus dessen vorhandenen Beziehungen und Interaktionen sich das System selbst organisiert. Ordnung entsteht selbstorganisatorisch aus dem Zusammenspiel von Verhalten und Struktur, was dazu führt, dass Struktur und Organisation sich auch von innen verändern.[1] Durch die bewussten oder unbewussten Regelmäßigkeiten im Verhalten der Organisationsteilnehmer ergibt sich die Möglichkeit der Koordination durch das Erkennen von Fehlendem oder Fehlerhaften; Teile können zusammengefügt, das Verhalten kann abgestimmt werden und mehr.[1] Durch diese Koordinationsmöglichkeiten kann auch erst eine Orientierung im System gewährleistet werden, die wiederum zur Bewältigung der Komplexität und zur Erhaltung der Lebensfähigkeit eines Systems notwendig ist.[1]

Im Kernpunkt des Systemansatzes steht die Fähigkeit der Systeme zur Selbstorganisation, die die einzige Möglichkeit für Systeme darstellt, die Komplexität und Dynamik sowohl der internen Strukturen als auch der externen Einflüsse und Beziehungen zu bewältigen, da sie eine erheblich höhere Anpassungsfähigkeit aufweist, als dies in einer Befehlshierarchie der Fall sein kann.[1] Selbstorganisierte Systeme weisen vier wesentliche intrinsische Charakteristika auf, die hier kurz erläutert werden sollen:[1]

  • Komplexität ist ein Produkt aus Kompliziertheit und Dynamik und entsteht als Resultat von Ordnungen, die sich aus interagierenden Elementen bilden. Kennzeichen der Komplexität sind, dass sie nur unvollkommen beschrieben werden kann und Prognosen nur vage möglich sind.[1]
  • Selbstreferenz bezieht sich darauf, dass jedes Verhalten des Systems auf sich selbst zurückwirkt und zum Ausgangspunkt für weiteres Verhalten wird. Da die Aktivitäten im System sich in Netzwerken vollziehen, spiegeln auch die selbstreferenziellen Rückwirkungen die inneren Zusammenhänge wieder. Informationen werden dabei nicht einfach eingegeben, sondern intern generiert, was zu einer Abgrenzung des Systems nach außen führt.[1]
  • Unter Redundanz versteht man die mehrfache Ausführung von Aufgaben, in diesem Fall die Verteilung der Gestaltungspotenziale, wobei das System dieses Potenzial verteilt. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass jedes Element, das über Informationen verfügt, auch handelt, wodurch Redundanz entsteht und die Informationskapazität sowie das Gestaltungspotenzial erhöht werden. Die Redundanz gilt als Vorrausetzung für die Flexibilität des Systems. Durch die Interaktion von Redundanz und Selbstreferenz entsteht ein Umfeld für Innovationen, Lernen und Kreativität.[1]
  • Autonomie liegt vor, wenn die Beziehungen und Interaktionen, durch die das System als Einheit definiert wird, nur das System selbst involvieren und keine anderen Systeme. In diesem Sinne wird Autonomie als Selbstgestaltung, -lenkung und -entwicklung verstanden, nicht nur in Form von gewährter Kompetenz bei Dezentralisierung. Die Autonomie gilt als Vorraussetzung für die zur Lebensfähigkeit des Systems notwendigen Anpassungsvorgänge.[1]

Durch die im selbstorganisierten System ablaufenden sozialen Prozesse entsteht eine Eigendynamik, die die Anpassungsfähigkeit, Evolution und Entwicklung der Ordnung zur Erhaltung der Lebensfähigkeit der Organisation garantiert.[1] Die Lebensfähigkeit von Unternehmen beruht dabei auf zwei Grundlagen: zum einen auf der oben beschriebenen Notwendigkeit einer flexiblen und anpassungsfähigen Struktur, zum anderen auf einer „gut durchdachten und immer wieder neu zu überprüfenden strategischen Konzeption“.[1]

Aus den oben aufgeführten Erkenntnissen zum kybernetischen und evolutionären Charakter von Systemen ergeben sich für das Management und die strategischen Konzeptionen verschiedene Aspekte.[1] Grundlegend ist die Erfahrung, dass die Fähigkeit der Menschen und Systeme zur Selbstorganisation nicht so weit entwickelt ist, dass sie den Ansprüchen eines sehr großen und komplexen Unternehmens entsprechen kann, was ein gewisses Maß an Lenkung und Steuerung sowie Korrektureingriffe notwendig macht.[1] Die Kenntnis der wesentlichen Systemeigenschaften, Komplexität und Dynamik, sowie die Unmöglichkeit, Systeme vollständig erfassen und zentral regulieren zu können, führen zur Formulierung übergeordneter Leitbilder und zur Lenkung durch wenige zentrale Organe.[1] Für Malik ergeben sich aus den genannten Erkenntnissen sieben dominierende Denkmuster, die das Management beeinflussen sollen.

Managementprinzipien[1]
Aufgrund der Dynamik von Systemen ist die kontextabhängige Gestaltung und Lenkung ganzer Institutionen in ihrer Umwelt nötig, nicht lediglich die Führung von Menschen.
Führung vieler Menschen: Da das Gesamtsystem im Vordergrund steht, muss das Verhalten vieler Menschen durch das direkte oder indirekte Einwirken auf die Interaktionsmuster im System koordiniert werden.
Führung ist Aufgabe vieler: Aus der Redundanz in Systemen resultiert, dass jeder, der es anderen ermöglicht Beiträge zu leisten, als Manager im Netzwerk betrachtet werden sollte, um die Flexibilität des Systems zu erhalten.
Indirektes Einwirken auf der Metaebene: Da der Output eines Systems von den Strukturen und dem Verhalten des Systems abhängt, sind bei inakzeptablem Output Änderungen der Systemstruktur notwendig, Organisation findet hier im Sinne der Lenkung der eigendynamischen Prozesse statt.
Da das System über eigene Gestaltungskräfte verfügt, ist das Management auf die Optimierung der Anpassungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Organisierbarkeit und letztlich auf die Steuerungsfähigkeit des Systems auszurichten.
Die unvollkommene Wissenslage des Managements soll zu Entscheidungen führen, die bei Veränderungen im Umfeld/der Sachlage revidierbar sind. Perspektive: Überleben, nicht Gewinn um jeden Preis.
Systeme generieren Änderungen von selbst. Daher soll das Management in der Maximierung der Lebensfähigkeit resultieren, um zu zeigen, dass die für das System relevante Komplexität unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Tabelle 17: Managementprinzipien des systemisch-evolutionären Ansatzes



Die zitierten Quellen sind im Literaturverzeichnis zu finden.

Persönliche Werkzeuge