A.2.6 Social Bookmarking – Was finden die anderen gut?

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Zur Orientierung in den Weiten des World Wide Web leisten Suchmaschinen und Link- Kataloge bei der Suche nach neuen interessanten Web-Seiten eine wichtige Hilfe. Wie aber verwaltet der einzelne Nutzer seine bereits identifizierten und für interessant befundenen Webseiten? Hier bieten die verschiedenen Web-Browser mit den Lesezeichen- Funktionalitäten (‚Bookmarks‛) eine Lösung. Besuchte Webseiten können per Mausklick mit einer Beschreibung und der jeweiligen URL gespeichert werden.

Die Ablage der Lesezeichen erfolgt dabei in einer hierarchischen Ordnerstruktur, die der Struktur des Windows-Explorers zur Verwaltung von Dateien gleicht. In der Bookmark-Datei können Ordner angelegt werden, die wiederum einen oder mehrere Ordner enthalten. Die jeweiligen Lesezeichen werden dann in einem dieser Ordner abgelegt.

Die Speicherung der Links auf die persönlichen Web-Seiten-Favoriten folgt damit bestimmten Systematisierungs- und Technologiemustern.

  • Die Ablage erfolgt technisch auf dem persönlichen Rechner. Ein Zugriff auf die Lesezeichen setzt die Verfügbarkeit des persönlichen Rechners voraus.
  • Die gespeicherten Informationen sind vor fremdem Zugriff und Einsicht geschützt. Eine Funktionalität, diese mit anderen Personen über den Kreis der jeweiligen Rechnernutzer hinaus zu teilen, ist nicht vorgesehen.
  • Die Einordnung der Lesezeichen erfolgt in einer hierarchischen Baumstruktur. Jedes Lesezeichen wird genau einem Ordner zugeordnet. Die Zuordnung einer Webseite zu mehreren Themenbereichen ist nicht vorgesehen.

Die vorherrschenden Lesezeichen-Funktionalitäten unterstützen damit – bezüglich fehlender Collaboration-Möglichkeiten, fehlendem PC-unabhängigen Zugriff und Ordnungssystematik – nicht die Philosophie und die Möglichkeiten des hochvernetzten World Wide Web.

Eine erste Lösung, die Abhängigkeit der Lesezeichen-Speicherung vom jeweiligen PC zu überwinden, bieten seit vielen Jahren Webseiten wie mybookmarks.com. Diese erlauben einen Export der persönlichen Lesezeichen auf die Server des Anbieters. Die Nutzung des Angebots basiert dabei auf einem individuellen Bereich, der durch Nutzer- und Passwortabfrage vor dem Zugriff Dritter geschützt wird. So können die Lesezeichen unabhängig vom jeweiligen PC beispielsweise in einem Internet-Café genutzt werden. Grundsätzlich bleiben die Lesezeichen aber vertraulich. Inzwischen erlauben spezielle Funktionalitäten einzelne Lesezeichenordner oder Lesezeichen für den öffentlichen Lesezugriff freizuschalten.

Die Philosophie der Social Software nutzend gehen Social Bookmarking-Angebote in ihrem Ansatz der Lesezeichenverwaltung weiter als Dienste wie mybookmarks.com. Als ein Pionier des Social Bookmarking gilt del.icio.us. Gegründet im September 2003 bietet del.icio.us Möglichkeiten der Lesezeichenverwaltung, die wesentliche Social Software-Grundgedanken aufnimmt.

Del.icio.us und andere Social Bookmarking-Angebote bieten den Anwendern ebenfalls die Möglichkeit ihre Lesezeichen auf einem Web-Server abzuspeichern und machen so die Lesezeichen unabhängig von einem bestimmten Rechner online verfügbar. Im Gegensatz zu Diensten, die einfach die Logik bestehender Lesezeichenverwaltungssysteme online umsetzen, sind Social Bookmarking-Angebote aber auch auf das Teilen und den Austausch von Links ausgerichtet. Außerdem erfolgt die Kategorisierung nicht über hierarchische Ordner.

Im Gegensatz zu den sonst üblichen Ordnersystemen erfolgt die Ordnung und das Wiederfinden von Lesezeichen über so genannte ‚Tags‛, also Schilder oder Anhänger. Lesezeichen werden nicht in Ordner einsortiert, sondern frei definierbaren Kategorien (Tags) zugeordnet. So kann beispielsweise das Lesezeichen für Wikipedia mit Tags wie ‚web2.0‛ ‚Enzyklopädie‛ etc. verknüpft werden. Das Wiederauffinden gespeicherter Bookmarks erfolgt entsprechend nicht durch die Suche nach dem zutreffenden Ordner, sondern durch die Auswahl eines passenden Tags. Die vergebenen Tags können wiederum als so genannte Tag Clouds (Tag-Wolken) angezeigt werden. Eine Cloud-Darstellung hebt Begrifflichkeiten entsprechend ihrer Relevanz durch Größe, Schriftbild und Farbe hervor. In der folgenden Abbildung wird beispielsweise ersichtlich, dass die Tags ‚SocialSoftware‛, ‚web2.0‛ und ‚wiki‛ besonders relevant sind, also in diesem Falle besonders häufig vergeben wurden.

Beispiel für eine Tag Cloud Darstellung von Tags
Beispiel für eine Tag Cloud Darstellung von Tags

Insgesamt ist der Verzicht auf eine Ordnerstruktur zugunsten einer Suchhilfe durch Tags ein Ansatz, der sehr grundlegend von unseren traditionellen Ordnungsmustern abweicht. Übertragen auf das Management von Dateien würde diese Vorgehensweise beispielsweise einen vollständigen Verzicht auf Ordnerstrukturen zur Dateiablage bedeuten. Stattdessen werden alle Dateien in einem allgemeinen Ordner gespeichert. Ein Wiederauffinden erfolgt lediglich über Suchhilfen wie Tags oder Suchmaschinen-Schlagworte. Diese Vorgehensweise ist für die meisten Nutzer wohl nur schwerlich vorstellbar, obwohl Technologien wie Desktop-Search, also Suchmaschinen für den eigenen Rechner, derartige Ansätze zunehmend besser unterstützen.

Das zweite Charakteristikum von Social Bookmark-Systemen ist der aktive Austausch gespeicherter Lesezeichen. Werden gesammelte Lesezeichen nicht explizit als privat gekennzeichnet, so sind die gespeicherten Lesezeichen mit den Beschreibungen und den vergebenen Tags für alle einsehbar. Entsprechend kann eine Suche nach enthaltenen Begriffen oder auch nach Tags auf die eigenen oder aber auf alle verfügbaren Lesezeichen bezogen werden. Bei der Suche nach geeigneten Webseiten kann also berücksichtigt werden, was andere Mitglieder der Gemeinschaft zu einem Tag gesammelt haben. Auch können die Lesezeichen anderer Nutzer, die ähnliche Interessen verfolgen, genutzt werden, um so neue Anregungen zu erhalten.

Bei jedem Lesezeichen wird angezeigt, wie oft der Link gespeichert wurde, was zu einem Gefühl für die Relevanz und Popularität beiträgt. Über einen Klick auf die Anzeige der Anzahl der Personen, die das Lesezeichen gespeichert haben, werden die Bemerkungen der anderen Nutzer angezeigt. Für die gemeinsame Verwaltung von Lesezeichen können zudem, ähnlich wie bei Sozialen Netzwerken, Verlinkungen auf andere Nutzer vorgenommen werden. Anschließend können dann Lesezeichen für die verlinkte Person als Vorschlag zur Verfügung gestellt werden.

Abbildung 13: Beispiel für die Darstellung von Lesezeichen bei del.icio.us
Abbildung 13: Beispiel für die Darstellung von Lesezeichen bei del.icio.us

Mit der offenen Verknüpfung der gespeicherten Lesezeichen und deren Tags ergeben sich neue Ansätze für die Websuche. So lassen sich über die Suche nach Usern, die die gleichen Bookmarks gespeichert haben, Anregungen finden, welche Webseiten noch interessant sein könnten. Über das öffentliche Tagging ergeben sich neue Möglichkeiten der Klassifizierung. Werden sonst beispielsweise in Bibliotheken Objekte nur durch Experten bestimmten Kategorien zugeordnet, so findet hier die Kategorisierung nachvollziehbar durch eine Vielzahl von Personen statt, die sehr heterogene Hintergründe, Interessen und Erfahrungen einbringen können. Diese Form der Kategorisierung wird inzwischen oft auch als ‚Folksonomy‛ (Zusammenführung von ‚folk‛ und ‚taxonomy‛) bezeichnet. Tagging und damit das gemeinsame Indexieren findet neben der Kategorisierung von Lesezeichen auch bei Fotos (beispielsweise flickr.com) und bei der Verschlagwortung von Weblogs statt.

Die Webseite del.icio.us hatte nach eigenen Angaben drei Jahre nach ihrem Start, im September 2006, eine Million registrierte User.[1] Inzwischen gibt es eine Vielzahl ähnlicher Angebote wie furl.net oder mister-wong.de. Weitere Angebote wie digg.com oder yigg.de kombinieren Social Bookmarking-Funktionaliäten mit Bewertungsfunktionen. Hier können die Mitglieder der Gemeinschaft Links bewerten und tragen so gemeinsam nicht nur zu einer Kategorisierung, sondern auch zu einem Ranking von Links bei.

Eine weitere Idee, welche Möglichkeiten sich durch Social Bookmarking ergeben, bekommt der Web-Nutzer bei backtags.com. Backtags.com durchsucht führende Social Bookmarking-Seiten und führt die Anzahl der durch die Nutzer gespeicherten Lesezeichen zu einer Kennzahl zusammen, die wiederum einen Hinweis auf die Popularität einer Webseite gibt.



Die zitierten Quellen sind im Literaturverzeichnis zu finden.


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