A.2.4 Soziale Netzwerke – Der Freund meines Freundes

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Im Jahr 1929 veröffentlichte der ungarische Autor Frigyes Karinthy eine Kurzgeschichte namen ‚Láncszemek‛ (Kettenglieder). Diese hatte die engeren Verknüpfungen der modernen Welt zum Gegenstand. Jeder könne zu jedem über eine Kette von höchstens fünf Bekannten eine Verbindung aufbauen. So kann der Protagonist der Kurzgeschichte zu einem persönlich unbekannten Nobelpreisgewinner die Verbindung aufbauen, indem er schließt, dass der Nobelpreisgewinner den schwedischen König Gustav kennen müsse, da dieser den Nobelpreis verleiht. Dieser wiederum spielt Tennis mit einem Tennis-Champion, den der Kurzgeschichtenprotagonist persönlich kennt. In ähnlicher Form lassen sich beispielsweise auch Verbindungen zu einem unbekannten Arbeiter bei Ford etc. herstellen. Insgesamt reicht eine Kette von fünf Bekannten aus, um die Verbindung zu einer beliebigen Person herzustellen.[1]

Der Harvard Professor Stanley Milgram führte in den 60er Jahren Karinthys Überlegungen als Untersuchungen zum ‚Small World Phenomenon‛ fort. Zur Untersuchung des Phänomens bat Milgram Personen aus den entfernt scheinenden Bundesstaaten Kansas und Nebraska Briefe über persönliche Bekannte in Massachusetts weiterzuleiten. Insgesamt fanden 44 von 160 Briefen über Ketten persönlicher Bekannter ihren Weg. Die Analyse der Transportwege ergab einen Median von fünf Zwischenmittlern, die den Brief jeweils weitergeleitet hatten.[1]

Dieses Ergebnis, welches damit zugleich den Annahmen von Karinthy auffallend nah kam, wurde später als ‚six degrees of separation‛ auf die Vernetzung aller Menschen ausgeweitet und gewann zunehmend an Popularität.[1]

Das Konzept der Small Worlds ist nicht unumstritten, da zum Beispiel die empirische Basis von Milgram als unzureichend eingestuft wird.[1] Neben der kleinen Stichprobe und der relativ geringen Anzahl von Briefen, die ihr Ziel erreichten, bleibt die Frage nach der Übertragbarkeit auf alle denkbaren Konstellationen – ist die soziale Entfernung zwischen einer Person aus Kansas und einer anderen aus Massachusetts gleich der Entfernung zwischen beispielsweise einem Inuit und einem venezianischen Gondoliero? Spätere Experimente, die dann auch länderübergreifend durchgeführt wurden, haben abhängig von verschiedenen Faktoren wie Motivation und der Einschätzung des eigenen Glücks zum Teil schlechtere, zum Teil aber auch bessere Ergebnisse als die ursprünglichen Experimente von Milgram erzielen können.[1]

Unabhängig von der Betrachtung der notwendigen Anzahl von Verbindungen, um die unterschiedlichsten Menschen miteinander zu verknüpfen, wurde mit dem Small-World-Phänomen die Relevanz zweier Aspekte in Netzwerken deutlich. Die hohe Bedeutung von ‚Hubs‛ oder auch ‚Superhubs‛ (in etwa Drehkreuze, Knotenpunkte) und die Wichtigkeit von ‚Weak Ties‛ (Schwachen Verbindungen).

Die hohe Bedeutung von Hubs deutete sich bereits bei Milgrams erstem Experiment an. Von den Briefen, die bei einer der beiden Personen, einem Wertpapierhändler in Boston, ankamen, wurden 48 Prozent der angekommenen Briefe am Ende der Kette durch nur drei Personen an den Wertpapierhändler weitergeleitet. Die tatsächlich genutzten Verbindungen mach ten also bei der letzten Weiterleitung nur einen Bruchteil der möglichen Verbindungen aus.[1] Das Phänomen der Hubs lässt sich auf viele Netzwerke übertragen. Nicht nur in persönlichen Netzwerken, auch in Verkehrsnetzen lässt sich feststellen, dass wenige zentrale Hubs in Form von wichtigen internationalen Flughäfen, zentralen Hauptbahnhöfen und Autobahnkreuzen entscheidende Drehscheiben sind. Gleiches gilt auch für das Internet, in dem wenige Suchmaschinenseiten und andere wenige vielbesuchte Websites[1] einen großen Teil der Verlinkung sicherstellen.

Auch in der Medizin spielen Vernetzung und Superhubs eine wichtige Rolle. So lässt sich das AIDS-Virus bereits im Jahr 1960 nachweisen.[1] Wahrscheinlich existierte es aber schon viel früher. Es ist lediglich der geringen Vernetzung (hier die Übertragung des Virus’) zu verdanken, dass es nicht schon früher zu einer Katastrophe kam. Die weitergehende Ausbreitung des AIDS-Virus’ lässt sich auf eine engere Vernetzung – vermutlich durch Soldaten, die im ursprünglichen AIDS-Gebiet für neue Kontakte (Vernetzung) sorgten – zurückführen.[1] Die dramatisch schnelle Ausbreitung des AIDS-Virus in der westlichen Hemisphäre kann dann wiederum in wesentlichen Teilen einer Person zugerechnet werden, die im negativen Sinne die Funktion eines Superhubs für die AIDS-Epidemie spielte. Der franko-kanadische Flugbegleiter Gaeton Dugas hatte nach eigener Einschätzung 250 Sexualplartner jährlich. Im April 1982 konnten von den damals bekannten 248 Infizierten mindestens 40 direkter Sex oder Sex mit einem Sexualpartner von Dugas’ zugeordnet werden. Die schnelle Verbreitung von AIDS lässt sich also nicht nur der hohen Vernetzung allgemein (insbesondere ungeschützte Sexualkontakte), sondern auch der zentralen Rolle eines Superhubs, eben dem oft als Patient Null bezeichneten Flugbegleiter Gaeton Dugas, zurechnen.[1]

Das Beispiel des AIDS-Patienten Null zeigt, dass es bei der Betrachtung von Netzwerken nicht nur um Vernetzung allgemein, sondern auch um die Betrachtung der Netzwerkstrukturen geht. Neben den Superhubs spielen dabei auch die schwachen Verknüpfungen eine besonders wichtige Rolle.

Dies verdeutlicht eine Untersuchung, welche Art von Kontakten aus der Sicht von Personen, die vor kurzem eine neue Beschäftigung gefunden haben, hilfreich waren. In einer Untersuchung von Granovetter gaben nur 16 Prozent der Interviewten an, dass die Vermittlung durch eine Person zustande gekommen sei, mit der ein häufiger Kontakt bestehe. Vielmehr spielten in 84 Prozent der Fälle Personen, mit denen nur gelegentlich oder selten Kontakt besteht, die entscheidende Rolle bei der Vermittlung der Arbeitsstelle.[1] Auch andere Untersuchungen zeigen, dass Netzwerke in vielen Fällen aus Subnetzen mit enger Verbindung bestehen, in denen ein enger Austausch stattfindet. Sollen aber neue Verknüpfungen hergestellt werden, die eben neuartige Kontakte, Ideen oder Verbindungen im weitesten Sinne ermöglichen, so ist es entscheidend, über die schwachen Verbindungen zwischen den Subnetzen Verknüpfungen herzustellen und dadurch das Netz wesentlich weiter zu durchdringen.[1]

In letzter Zeit ist eine Vielzahl sozialer Netzwerke in digitaler Form aufgekommen, die ebenfalls der Social Software zugerechnet werden können. Wie bei anderen Social Software-Systemen stellen die Anbieter lediglich eine technologische Plattform zur Verfügung, während die Inhalte von den Usern erstellt werden.

Ein im deutschsprachigen Raum vielbeachtetes Netzwerk ist XING, ehemals OpenBC. XING ist ein Netzwerk, welches auf berufliche Vorteile für die Nutzer ausgerichtet ist. Unter dem Motto ‚Jeder kennt jeden über sechs Ecken‛ wird der Gedanke der Small Worlds explizit aufgenommen.

Registrierte Nutzer haben die Möglichkeit, ein umfassendes Profil mit den Rubriken ‚Suche‛, ‚Biete‛, ‚Firma‛, ‚Branche‛, ‚Hochschule‛, ‚Adressdaten‛ etc. anzulegen. Damit können sie sich gegenüber der Community darstellen und bei spezifischen Suchen nach Themen etc. gefunden werden.

Abbildung 9: Profil eines XING-Mitglieds
Abbildung 9: Profil eines XING-Mitglieds[1]

XING-Nutzer können andere Personen suchen und einladen. Nimmt die eingeladene Person die Einladung an, wird die Person als bestätigter Kontakt erfasst. Die User können damit in einem dynamischen Adressbuch jeweils Kontaktdaten etc. füreinander freigeben. Neben dem Vorteil, dass damit die Kontakte jeweils die Pflege ihrer Daten übernehmen, entsteht eine neue Verlinkung im Netzwerk. Zukünftige Suchen können beispielsweise über die bestätigten Kontakte des bestätigten Kontaktes durchgeführt werden. Auch wird bei zukünftigen Suchen angezeigt, über welche Kontakte, Kontakt-Kontakte etc. Verbindungen zu der jeweiligen Person bestehen. Dies erleichtert die Ansprache Dritter, aber auch die Identifikation gemeinsamer Bekannter etc.

Abbildung 10: Überblick über das Netzwerk in XING (www. xing.com)
Abbildung 10: Überblick über das Netzwerk in XING (www. xing.com)

Mit der elektronischen Abbildung des Netzwerks wird die Netzwerkbildung vereinfacht und beschleunigt. Netzwerke und Verlinkungen können schneller und einfacher entstehen und sichtbar gemacht werden als in der realen Welt. In Zeiten verstärkter Mobilität und Virtualisierung bieten sich Möglichkeiten, Netzwerke zu pflegen ohne persönlich präsent sein zu müssen. Zusatzangebote wie Themengruppen erlauben die Ausweitung des Netzwerkes nach Interessenfeldern. Weiterhin bringt das dynamische Adressbuch praktische Vorteile.

Die erst im November 2003 (damals noch unter dem Namen OpenBC) gestartete Plattform XING ist inzwischen an der Börse notiert und hat unter anderem durch Akquisitionen in anderen Ländern inzwischen über 3,5 Mio. registrierte Nutzer. Von diesen Nutzern sind ca. 300.000 User Premium-User, die eine monatliche Gebühr zahlen. Im internationalen Vergleich adressiert das Netzwerk LinkedIn eine ähnliche Zielgruppe mit ähnlichen Zielsetzungen und verfügt mit einer starken Nutzer-Basis in den USA bereits über 8 Mio. registrierte Mitglieder.[1]

Eher auf das Privatleben ausgerichtet sind die aus den USA stammenden Angebote MySpace mit 114 Mio. Besuchern und FaceBook mit 52 Mio. Besuchern im Juni 2007.[1] Inzwischen gibt es auch eine Vielzahl deutscher Angebote. Ein Beispiel ist die die Plattform stayfriends.de. Diese hatte zunächst das Konzept einer Community, in der sich insbesondere ehemalige Schulkameraden wiedertreffen können, aus den USA imitiert, um dann im Jahr 2004 von classmates.com übernommen zu werden. StayFriends, im Frühjahr 2002 gegründet, hat heute nach eigenen Angaben 3 Mio. Einträge.[1] Ein Beispiel für ein sehr schnell wachsendes Netzwerk mit einer sehr hohen Nutzung ist StudiVZ. StudiVZ, im Herbst 2005 mit einem speziellen Social Network-Angebot für Studierende gegründet, hatte nach eigenen Angaben im Juli 2007 bereits 2,6 Mio. Nutzer.[1] Neben Services wie andere Studierende zu finden und zu kontaktieren bietet StudiVZ auch die Möglichkeit, ein eigenes Profil aufzubauen, Freunde online zu akzeptieren und zu verlinken, sich nach Lehrveranstaltungen zu organisieren und auszutauschen, Freundes- und Themengruppen aufzubauen etc. Im Gegensatz zu einem Sozialen Netzwerk wie OpenBC ist bei StudiVZ der Stil wesentlich lockerer – vor allem Fotos, auf die wiederum mehrere Personen verlinkt werden, spielen eine große Rolle – und die vorherrschenden Themen sind sehr freizeitorientiert (Parties etc.). Mit der Funktionalität, Fotos hochzuladen und zu teilen, ergeben sich funktionale Überschneidungen zu Angeboten wie flickr.com.

StudiVZ stand mehrfach wegen verschiedenster Aspekte in der Kritik. Mehrfach fielen die Nutzerdaten Hacker-Angriffen zum Opfer. Außerdem standen die Gründer wegen Ihres persönlichen Verhaltens in der Kritik. Auch sexuell-orientierte Ansprache von weiblichen Nutzern mit Duldung des Managements oder die Ausbreitung pornografischer Inhalte werden als Kritikpunkte genannt.[1] An vielen Stellen werden auch die Gefahren der oftmals extrem offenen und persönlichen Darstellung der eigenen Person deutlich. So etwa, wenn die oftmals nicht sonderlich karrierekonformen Profile von Studierenden im Vorfeld des Einstellungsgesprächs von Personalabteilungen durchforstet werden.

Trotz der Kritikpunkte wächst die Zahl der Netzwerke und ihrer User. Die Zielgruppen werden dabei immer spezifischer. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von zielgruppenspezifischen Netzwerken. Neben Netzwerken für Schüler (www.schuelervz.net), Sportler (www.netzathleten.de), Partygänger (www.kiezkollegen.de) existiert sogar ein Netzwerk für Hunde (www.mywuff.com). Gleichzeitig vervielfacht sich die Zahl der Nachahmer. Das Schüler-Netzwerk SchuelerVZ tritt inzwischen unter anderem gegen die Netzwerke SchuelerRG.de, Schuelerprofile.de, Schueler.cc, SpickMich.de an (Stand September 2007).

SchuelerVZ seinerseits wurde von den Gründern von StudiVZ initiiert. Diese hatten sich bereits bei StudiVZ durch das amerikanische Vorbild facebook inspirieren lassen.

Da Soziale Netzwerke in vielen Aspekten stark von einer hohen Teilnehmerzahl profitieren, steht zu erwarten, dass es mittelfristig zu einer Konsolidierung kommen wird. Auch dürften Meta-Netzwerke, die wiederum auf die Inhalte mehrerer Netzwerke zugreifen, eine gute Erfolgschance haben, sofern es technisch und organisatorisch gelingt, mehrere Netzwerke so zu verknüpfen. Auch dürften die Funktionalitäten Sozialer Netzwerke an vielen Stellen weiter mit anderen Social Software-Angeboten zusammenwachsen. So ist es inzwischen bereits möglich, durch ausgeprägte Funktionalitäten Fotos (StudiVZ) oder soziale Bewertungen (Lehrerbenotung bei SpickMich.de) miteinander zu teilen.



Die zitierten Quellen sind im Literaturverzeichnis zu finden.


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