Die Affinität zu Informationstechnologie, Internet und wohl auch nicht zuletzt Social Software wird von vielen Faktoren beeinflusst. So verzeichnet der (N)Onliner-Atlas 2007 in der Altersgruppe 14-29 Jahre 88% Onliner im Gegensatz zu nur 35% in der Altersgruppe 50+. Weiterhin korrelieren Bildung und Haushaltsnettoeinkommen deutlich positiv mit der Internet-Nutzung.
Bei der Nutzung von Wikis scheint die Fachrichtung ein sehr wichtiger Einflussfaktor für die Wiki-Affinität zu sein. Folgt man - trotz der methodischen Probleme - der Erhebung 'Wikipedianer nach Wissensgebieten', so fällt auf, dass alleine 'Computer, Informatik' und 'Naturwissenschaft' ein Drittel der Wikipedianer ausmachen.
Ein Bild, das mir angesichts der Themenschwerpunkte und der Kultur der Wikipedia durchaus plausibel erscheint. Auch stelle ich im täglichen Leben fest, wie unterschiedlich die Akzeptanz für die gemeinsame und aktive Nutzung von Wikis und anderen Ansätzen der Social Software ist. Die Bandbreite reicht von Menschen, die ohne ein Wort der Rückfrage sofort ein Wiki nutzen, um bspw. ein Telefonat vorzubereiten und mitzudokumentieren bis hin zu Menschen, die nicht einmal den Denkansatz verstehen, geschweige denn ihre Gedanken in einem Werkzeug dieser Art einzubringen - vor allem, wenn nicht jede Silbe dreimal geprüft und abgesichert wurde.
Was nun also tun, wenn meine Zielgruppe - die Personen mit denen ich zusammen arbeiten möchte/muss - nicht unbedingt Technologie- und Wikisophie-affin ist?
Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich wikipatterns.com.* Wikipatterns sammelt Muster, die hilfreich sind, wenn es darum geht, die Nutzung von Wikis in der Organisation zu fördern. Die Hinweise gliedern sich in vier Kategorien 'People-Patterns' und 'People Anti-Patterns', 'Adoption Patterns' und 'Adoption Anti-Patterns'.
Bei den People-Patterns, dürfte m.E. die 'virale' Strategie besonders erfolgsversprechend sein. Nichts ist authentischer und wirksamer als eine persönliche Empfehlung mit direktem Mehrwert für den Empfänger. Bei den Negativ-Mustern scheinen mir insbesondere Gates und eng damit verbunden RegistrationRequired besonders wichtige Misserfolgsmuster zu sein.
Dass das Angebot einer 'Sandbox', also einer Spielwiese für die Wiki-Nutzung kontraproduktiv ist, da es zusätzliche Hürden vor der Beteiligung an den eigentlichen, 'produktiven' Artikeln aufbaut, scheint mir dagegen nicht so einleuchtend. Hat doch schließlich das Erfolgswiki schlechthin - Wikipedia - eben auch eine solche Sandbox. Weiterhin trägt eine solche Spielwiese dazu bei Ängste abzubauen, die immer wieder offensichtlich werden, wenn man Menschen neu an Wikis heranführt.
Hier ist übrigens der Blick in einen der Klassiker der Wirtschaftsinformatik aufschlussreich. Aus 'The information archipelago - plotting a course' von McFarlan, McKenney und Pyburn (Harvard Business Review im Januar/Febraur 1983) wird insbesondere die dort dargestellte 'Bedeutungsmatrix' für IT-Systeme noch heute oft zitiert.** Interessant sind aber auch die Aussagen zur Aufnahme neuer Technologien.
McFarlan et al. unterscheiden dort zwischen vier Phasen der Nutzung neuer Technologien:
- Identifikation und erste Investition
- Experimentieren und Lernen
- Kontrolle
- Umfassender Technologietransfer
In der ersten Phase sehen die Autoren den Aufbau erster Erfahrungen ohne konkreten Mehrwert zur Erlernung der technischen Beherrschung als vorherrschenden Aspekt. Zu diesem Zeitpunkt ist eine Abschätzung der wirklichen Einsatzfelder und -potenziale noch nicht wirklich möglich.
In Phase 2 steht das Lernen aus der Sicht der Nutzer im Vordergrund. Hier werden vor allem Pilot-Projekte mit den zukünftigen Nutzern empfohlen. Erfolgsfaktoren sind Planungsansätze, die 'rough and dirty' sind sowie das Gewinnen des Interesses der Nutzer. Hier steht der eigentliche Nutzen der neuen Anwendung also ebenfalls noch nicht im Vordergrund.
In Phase 3 finden sich bei McFarlan et al. sehr 'klassische' und 'harte' Managementsansätze (Kontrolle). Aber schon in Phase 4 weisen die Autoren auf die Grenzen der langfristigen Planung hin.
Interessanterweise folgen die Empfehlungen der Phasen 1 und 2 sehr weitreichend Wikimanagement-Erfolgsfaktoren wie 'Emergenter Entwicklung', 'Inkrementeller Entwicklung', 'Flexibler Regelauslegung', ....
Es zeigt sich wieder einmal, dass die Wikimanagement-Denkansätze sich an vielen Stellen schon lange vor der Zeit des Web 2.0 finden.*** Entscheidend ist aber der richtige Ansatz zur richtigen Zeit. Auch vor dem Hintergrund einer umfassenden Erfahrung in vielen IT- und SAP-Projekten weiß ich, es gilt problem- und situationsbezogen den jeweils richtigen Weg zu finden. Oft lassen bspw. hochstandardisierte Massenprozesse nur sehr eingeschränkt Platz für Wikimanagement-Erfolgsfaktoren. Hier gilt es, diese Ansätze nicht in der Durchführung, sondern in der Weiterentwicklung der Prozesse zu nutzen.**** Diese Einschätzung lässt sich übrigens auch gut mit der Forderung nach Kontrolle als übergeordnetem Managementprinzip der Phase 3 von McFarlan et al. vereinbaren.
Was die Frage der Sandbox angeht, fühle ich mich also durch den Klassiker von McFarlan et al. bestätigt, da sich Wikis in Unternehmen zumeist in den Phasen1 und 2 nach McFarlan et al. befinden und entsprechend Lernen und Experimentieren ohne direkten Nutzen im Vordergrund stehen sollte. Es bleibt - meines Erachtens - also eher die Frage, wie die Sandbox für andere neue Technologien aussieht. (Wie baue ich also bspw. eine gute Spielwiese für meine SOA-Anwendung?)
Für das Wikimanagement-Wiki gibt es jedenfalls auf alle Fälle eine Sandbox. Viel Spaß beim Ausprobieren!
* gefunden habe ich den Verweis auf Wikipatterns übrigens im Schaeferblick Weblog. Weiterentwickelt wird die Diskussion unter anderem im Frogpond.
** Unter anderem Gegenstand in den sehr guten Monographien von Schwarzer/Krcmar:
Wirtschaftsinformatik und Heinrich/Lehner: Informationsmanagement.
*** Verlgeiche bspw. auch Mintzberg Grassroots Model (in Wikimanagement auf S. 156f.)
**** Zu den Anwendungsfeldern von Social Software und
Wikimangement-Erfolgsfaktoren und Wikimanagement als 'Scheinriesen'
vgl. auch S. 76f. und S. 258ff. in Wikimanagement.